Hradschin

Die Hradschin-Vorstadt ist unter den vier Prager Städten zwar die mit der geringsten historischen Bedeutung, doch dafür bietet sie den Besuchern neben ihrem mittelalterlichen Ambiente beinahe dörfliche Ruhe. Mitunter gibt sie sich sogar etwas verschlafen, was nach dem nie versiegenden Trubel im Herzen der Altstadt und auf der Burg geradezu erholsam wirkt.

Bis ins 16. Jahrhundert hinein war der Hradschin ein eher ärmliches Viertel, in dem das Dienstvolk der Burg in bescheidenen Hütten wohnte. Ein verheerendes Feuer vertrieb diese Menschen hinab nach Malá Strana; der böhmische Adel nutzte diese Gelegenheit zum Wiederaufbau des Hradschin nach seinem Geschmack: prächtige Paläste wurden neben Bürgerhäusern und Klöstern errichtet. Ihr heutiges Gesicht erhielt das Viertel dann im 17. und 18. Jahrhundert, die beide ganz im Zeichen des Barock standen. Dennoch blieb die Hradschin-Vorstadt eben "nur" der Vorplatz oder das Anhängsel der Burg, der ein eigenständiger städtischer Charakter völlig fehlt. Museen und öffentliche Verwaltungsgebäude fanden in den ehemaligen Palästen ein stilvolles Domizil, doch wird man sich vergeblich nach kleinen Läden, Bäckereien und einem Schuster umsehen. Natürlich wird dieser Mangel mit Cafés und Restaurants mehr als wettgemacht, doch bleibt dem aufmerksamen Betrachter nicht verborgen, dass dieses belebte Viertel nicht im eigentlichen Sinne bewohnt ist.

Ein Bummel durch den Hradschin führt durch denkmalgeschützte Straßen, enge Gassen mit unebenem Kopfsteinpflaster und vorbei an wunderschönen Fassaden, die abends von gusseisernen Laternen beleuchtet werden. Wenn der Hradschin vielleicht wegen seiner musealen Pracht als Wohnviertel nicht beliebt ist, zieht er zumindest tagsüber bis spät in die Nacht hinein ein buntes Künstlervolk an: Straßenmusiker geben ihre kostenlosen Konzerte ebenso bravourös zum Besten wie Jazzbands oder Bläserkapellen. Der ideale Ausgangspunkt für einen Spaziergang durch die Hradschin-Vorstadt ist der gleichnamige Platz, der Hradcanské námesti, direkt vor dem Hauptportal der Burg. Hier sollte man zuerst seinen Blick schweifen lassen und sich dann entscheiden, in welche Richtung der Weg führt. Das Museum im Schwarzenberg-Palais mit seiner sehenswerten Sgraffito-Fassade ist nicht nur ein Tipp für Regentage. Die Wallfahrtskirche Maria Loreto, die Kirche St. Benedikt des Karmeliterinnenklosters und das Toskanische Palais sind nur einige wenige Sehenswürdigkeiten rund um diesen Platz.