Karlsbrücke

Die Karlsbrücke wetteifert mit dem Wenzelsplatz darum, wer das eigentliche Zentrum Prags ist - es gibt für beide Kandidaten gute Gründe. Doch die bereits 1118 als hölzerner Übergang über die Moldau erwähnte Brücke hat ein schlagkräftiges Argument: sie verbindet die westlichen und östlichen Teile von Prag miteinander und hält auch topografisch das Gleichgewicht zwischen den beiden Ufern des Flusses. Die etwas über 500 Meter lange und 10 Meter breite Brücke stellte bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts die einzige Verbindung der beiden Stadtteile links und rechts der Moldau dar. Prächtig geschmückt mit vielen barocken Statuen, von denen nicht alle mehr im Original auf die Besucher herabschauen, vermittelt die Karlsbrücke anschaulichen Geschichtsunterricht beim Überqueren des Flusses. Die ernsten, gequälten oder hochmütig blickenden Gesichter der steinernen Figuren verkörpern ausnahmslos berühmte Herrscher oder Heilige, die mit der Vergangenheit Prags aufs engste verbunden sind. So trifft man neben dem Nationalheiligen Johann Nepomuk, dessen Statue als erste aufgestellt wurde, den nicht minder bedeutsamen Wenzel, den heiligen Johannes und die etwas verzückt dreinblickende hl. Luitgard an.

Beim Bau der Brücke wurden Eier unter den Mörtel gemischt, dies war im Mittelalter gängige Praxis bei stark belasteten Bauwerken. Hierzu mussten viele Tausend Eier aus dem ganzen Land herbeigeschafft werden. Ein Ort namens Velvary macht deshalb noch heute von sich sprechen, da die Bürger das von ihnen abgeforderte Eierkontingent in hartgekochtem Zustand ablieferten. Diese Aktion dürfte sie unseren Schildbürgern recht nahe gebracht haben.

Die beiden Brückentürme sind ebenfalls ein Verweilen wert. Der Kleinseitner Turm, der wie der Name schon sagt auf der Kleinseite steht, gehörte zu den ursprünglichen Befestigungsanlagen der Stadt. Sein Pendant, der Altstädter Brückenturm beeindruckt vor allem mit seiner prächtigen Fassade an der Ostseite, die mit drei Herrscherfiguren geschmückt ist. Wer ein Fernglas besitzt, sollte es hier zum Einsatz bringen, da man mit dem bloßen Auge kaum alle Details der filigran ausgeführten steinernen Skulpturen und Verzierungen erkennen kann.
Die Karlsbrücke ist auch heute noch ein stark frequentierter Übergang, der nicht nur von Touristen genutzt wird. Die Prager betrachten es fast schon als Wunder, dass die Brücke noch nicht zusammengestürzt ist, was sie jedoch nicht davon abhält, sie tagtäglich mit einem gewissen Fatalismus zu überqueren.