Prager Fenstersturz

Prag kann im Laufe seiner Geschichte auf viele Traditionen zurückblicken, so auch auf die seiner Gastfreundschaft. Doch ist zumindest in drei Fällen historisch belegt, dass einige Besucher nach Beendigung ihrer Visite einen anderen Weg aus den jeweiligen Gebäuden nahmen, als sie diese zuvor betreten hatten. Begonnen hat die lange Tradition der Prager Fensterstürze am 30. Juli 1419 im Neustädter Rathaus. Nach zumindest für eine Seite unbefriedigend verlaufenen Gesprächen warfen erzürnte Hussiten zwei katholische Ratsherren in hohem Bogen aus dem Fenster. Diese Begebenheit war der Startschuss für die folgenden Hussitenkriege. Für den nächsten Fenstersturz wählte man das Altstädter Rathaus zum Schauplatz unhöflichen Verhaltens. Hier flog nun der katholische Bürgermeister durch die hoffentlich weit geöffneten Fenster, was zum Glück zumindest für die Geschichte ohne Folgen blieb, weshalb dieser Flug zumeist nicht in der Fenstersturz-Chronologie auftaucht.

Der wohl folgenschwerste Fenstersturz für ganz Europa fand am 23. Mai 1618 statt. Wieder einmal konnten sich Protestanten und Katholiken nicht einigen. Die Sache eskalierte, und wütende Protestanten warfen zwei Statthalter samt einem Sekretär aus den Fenstern der Böhmischen Kanzlei auf der Prager Burg. Die drei Geworfenen landeten weich auf einem Müllhaufen, der den immerhin 16 Meter tiefen Fall abfederte, und wurden für die erlittene Schmach von den Habsburgern mit klingender Münze reich entschädigt. Sogar der Sekretär erhielt ein Schmerzensgeld - er wurde in den Adelsstand erhoben und durfte den stolzen Namen "von Hohenfall" führen. Dass dieser Fenstersturz den Dreißigjährigen Krieg einläutete, soll nur am Rande erwähnt werden.

Den letzten bekannten Fenstersturz absolvierte 1948 der damalige Außenminister Jan Masaryk kurz nachdem die Kommunisten die Macht übernommen hatten. Ein englischer Schriftsteller erging sich in Vermutungen darüber, dass die europäische Geschichte womöglich anders verlaufen wäre, "wenn die Prager Fenster kleiner gewesen wären und zu solchen Taten nicht verlockt hätten." Außerdem gab er den Rat, politische Verhandlungen künftig in Kellerräumen zu führen.