Vysehrad

Sobald eine Stadt mehr als eine Burg besitzt, beginnt auch schon das Gerangel um die Vorrangstellung des jeweiligen Fürstensitzes. Das ist in Prag nicht anders - hier kämpft die auf dem Hradschin gelegene Prager Burg mit dem Vysehrad, der hoch auf einem Felsen gelegenen Festung südlich von Nové Mesto. Der Vysehrad sei die erste Residenz der böhmischen Könige und Sitz der Mutter aller Tschechen, der ebenso weisen wie schönen Prinzessin Libussa, so sagt es die Legende. Die jüngste Tochter des Königs übernahm nach dessen Tod die Herrschaft, wurde jedoch als Frau von ihren rauen Kriegern nicht akzeptiert. Sie suchte sich kraft ihrer hellseherischen Fähigkeiten einen einfachen Landmann namens Premysl aus, nahm ihn zum Ehemann und begründete mit ihm das Geschlecht der Premysliden. Libussa erhielt die Eingebung, wo der Fürstensitz gebaut werden sollte, und ihr handwerklich versierter fürstliche Gemahl zimmerte munter drauflos, bis eine "prah", eine Schwelle entstand, aus der später Praha, also die Stadt selbst wurde. Soweit die schöne Legende. Doch ist es historisch erwiesen, dass die Prager Burg lange vor dem Vysehrad erbaut wurde, was die romantische Gründungssage wieder sehr in Frage stellt.

Der Vysehrad kann sich in Prunk und Pracht mit der Prager Burg nicht messen. Außer einigen roten Ziegelmauern der Festung und ein paar Toren blieb von der trutzigen Burg kaum etwas erhalten. Dafür bieten die Grünflächen der Burganlage ein vortreffliches Gelände für lauschige Spaziergänge abseits des städtischen Trubels. Der im 19. Jahrhundert errichtete Ehrenfriedhof ist durchaus sehenswert. Hier wurde die Haute volée der Prager Kunstszene bestattet, wie zum Beispiel Dvorak und Smetana. Prächtige Grabmäler lassen selbst Kunstbanausen erkennen, dass es sich bei den Toten um herausragende Persönlichkeiten gehandelt haben muss. Die Überreste einer Basilika aus dem 11. Jahrhundert, unterirdische Gewölbegänge des Befestigungswalls und die Kasematten sind ebenfalls eine nähere Betrachtung wert.